Die unglaubliche Geschichte von Mamadou Diabate

FALTER, Carsten Fastner, 13/2011

Es gibt diese Floskel von der Musik, die Grenzen überwindet, und manchmal wird sie so wörtlich wahr, dass man es kaum glauben möchte. Die unglaubliche Geschichte von Mamadou Diabate ist so ein Fall.

 

In ihr werden reihenweise Grenzen aller Art überwunden, familiäre und soziale, hierarchische und staatliche, auch solche zwischen zwei Kontinenten, zwei Welten. In dieser Geschichte werden mentale Fesseln gesprengt und Bildungshorizonte erweitert; es verschwimmt die Grenze zwischen Leben und Kunst; und natürlich werden musikalische Schranken überwunden – so unpeinlich, so gekonnt, ja elegant, dass man auch das kaum glauben möchte.

 

All das von einem Mann, der, wäre alles seinen geregelten Gang gegangen, heute ein Leben als geachteter Musiker führen würde, im Dorf Torosso in Burkina Faso, mitten im Nichts der westafrikanischen Savanne. Dort würde er nach alter Väter Sitte den Bauern bei der Feldarbeit aufspielen; er könnte weder lesen noch schreiben, hätte vier oder fünf Ehefrauen und zwei, drei Dutzend Kinder, ein Einkommen von weniger als einem Euro pro Tag und eine statistische Lebenserwartung von 47 Jahren.

 

Heute sitzt Mamadou Diabate in seinem Probenkeller in Ottakring, wo er ein großes Konzert vorbereitet, die Präsentation seiner jüngsten und bisher aufwendigsten CD. Er ist tatsächlich ein geachteter Musiker geworden, von Wien aus hält er die Familientradition aufrecht, tritt in fast allen Ländern Europas auf, in Asien und Amerika. Er hat dafür gesorgt, dass hunderte von Kindern in seiner alten Heimat lesen und schreiben lernen. Und vor sieben Monaten hat er mit seiner österreichischen Frau sein erstes Kind bekommen.

 

„Die Musik war meine Chance“, sagt Mamadou Diabate. Er sagt das oft, wenn er von seinem unglaublichen Leben erzählt, denn er hat diese Chance immer wieder glücklich genutzt. Zum ersten Mal 1984, da war er elf Jahre alt.

 

Mit einem seiner vielen Brüder – er spricht von „ungefähr 45 Geschwistern“ – sei er damals nach Bobo-Dioulasso gekommen, in die zweitgrößte Stadt Burkina Fasos, habe Dinge gesehen, die er nicht kannte: Autos und elektrisches Licht, große Wohnhäuser, Geschäfte, riesige Menschenmassen. „Und kaum waren wir zurück in unserem Dorf wusste ich: Ich muss hier raus, ich muss in die Stadt! Ich war vollkommen überzeugt, dass ich daheim gestorben wäre. Also bin ich davongelaufen.“

 

Die Musik war seine Chance. Mamadou Diabate entstammt einer uralten Dynastie von Griots, jenen Sängern, Dichtern und Instrumentalisten, die schon im Manden Kurufa, dem alten Mali-Reich, den Alltag der Menschen begleiteten, Nachrichten verbreiteten, das Wissen um Geschichte und Mythen bewahrten und weitergaben – Jahrhunderte bevor die Europäer diese Weltengegend kolonialisierten und künstliche Grenzen zogen. In Mali, Burkina Faso, Gambia und Senegal ist die Tradition der Griots bis heute lebendig, viele berühmte Musiker und Schauspieler kommen aus dieser Kaste.

 

Auch Mamadou Diabate war mit elf Jahren schon ein virtuoser Musiker, beherrschte das xylofonartige Balafon, die Harfenlaute Kora, die gitarrenähnliche Ngoni. Lachend erzählt er, wie ihn sein Vater nicht in die Stadt ziehen lassen wollte und er sich heimlich und zu Fuß aufmachte nach Bobo-Dioulasso; wie er sich ein paar Monate lang als Straßenkind durchschlug und sich schließlich einer anderen Musikerfamilie anschloss. „Aber mein Problem war: Die anderen Kinder aus der Stadt konnten Französisch, ich nicht. Also konnten sie mit den Touristen sprechen, für sie spielen und Geld verdienen.“

 

Da wird sein Ton ernst, immer eindringlicher erzählt Mamadou Diabate, wie er sich mit Putz- und Gartenarbeiten bei den Reichen der Stadt das Schulgeld für den Französischunterricht verdiente; wie er später ins benachbarte Ghana ging, um auch Englisch zu lernen; und wie er schließlich einen Ungarn aus Österreich kennen lernte, der ihm 1998 eine erste Einladung nach Wien verschaffte.

 

„Am Anfang war ich hier natürlich total hilflos. Aber ich hab’s bald geschafft, mir ein paar kleine Auftritte zu organisieren, im Tunnel, im Spektakel, im Sagya. Die Musik war meine Chance. Aber noch wichtiger war, dass ich Französisch, Englisch und bald auch Deutsch konnte. Bildung ist das Wichtigste!“

 

Seit 2000 lebt Mamadou Diabate nun in Wien. Mit finanzieller Hilfe jenes Freundes, der ihn einst hierher gebracht hatte, konnte er bald seine erste CD bei der Extraplatte produzieren. Er hat sie „Sababu“ genannt, „Chance“. Mamadou hat auch diese Chance genutzt. Viele Größen der Wiener Musikszene wurden durch das Album auf ihn aufmerksam, Willi Resetarits, Andre Heller und Sigi Finkel haben ihn zur Zusammenarbeit eingeladen, und auf seiner jüngsten Platte, „Kanuya“, spielen Wolfgang Puschnig, Jon Sass, das Vokaltrio Insingizi und das Studio Percussion Graz mit: eine rundum überzeugende, mitreißende Fusion aus Nord und Süd, wie organisch gewachsen aus den Wurzeln der traditionellen Musik Burkina Fasos.

 

Um die kümmert sich Mamadou Diabate nach wie vor mit großer Leidenschaft. Er spielt immer noch die alten Stücke, schreibt unermüdlich die Tradition mit neuen, eigenen Liedern fort, stellt auf seiner Homepage umfangreiche Informationen zur Verfügung, gibt bei der Extraplatte eine kleine CD-Reihe zu den unterschiedlichen Spielarten der Mandenga-Musik heraus.

Sein größtes Projekt aber ist die Bildung. „Als ich nach Österreich kam, konnte ich es gar nicht fassen, dass man hier für die Schule nichts zahlen muss. Gratis Unterricht gab es zu meiner Zeit in Burkina Faso überhaupt nicht – und auch heute nur sehr selten. Also habe ich in Bobo-Dioulasso selber eine Schule gegründet.“ Ihr Name: Sababu – „Chance“.

 

Seit 2004 arbeitet Mamadou Diabate an diesem Projekt. Mit Benefizkonzerten und Spenden hat er ein eigenes Schulgebäude finanziert, bezahlt er mittlerweile drei Lehrer für jeweils 75 Schüler (statt der landesüblichen 120), dazu jedem täglich eine warme Mahlzeit und eine Unfallversicherung. Und das Wichtigste: Der Unterricht ist gratis.

 

„Bildung ist die stärkste Waffe, mit der wir die Welt verändern können“, zitiert er Nelson Mandela. Im Grunde genommen ist Mamadou Diabates Schule nichts anderes als eine moderne Erweiterung der uralten Griot-Tradition: Wissen zu erhalten und weiterzugeben.