Die Sambla und ihr sprechendes Xylophone

Ich bin ein Angehöriger des Sambla-Volkes, das in Burkina Faso, ca. 50 km westlich von Bobo Dioulasso, in 12 Dörfern an der Grenze zwischen den Mande- und Gur-Kulturen angesiedelt ist. Sprache und Kultur dieser Mande-Splittergruppe mit altertümlichen Merkmalen sind praktisch unerforscht und werden wahrscheinlich erlöschen, noch bevor die Welt ihnen Aufmerksamkeit schenkt. Die Sambla sind Ackerbauer, sie bauen Hirse, Mais, Erdnuß, Baumwolle an. Das Klima ist extrem trocken und heiß, der Boden ist knochenhart und steinig. Es gibt keine befahrbaren Straßen, keinen Strom. Der Einsatz von landwirtschaftlichen Maschinen ist praktisch unmöglich. Der Ertrag ist dementsprechend gering, die Sambla sind sehr arm.

Was aber Musik anbelangt, sind die Sambla unvorstellbar reich. Jedes Dorf, jede bedeutende Familie, jede Berufsgruppe hat ein eigenes Musikstück - ein Wappen sozusagen. Für jedes bedeutende Ereignis wird Musik komponiert. Arbeiten, die eine Dorfgemeinde durchzuführen hat oder pflegt, wird mit Musik begleitet. Was Außenseiter für Musik halten und ungeheuer schön empfinden, ist aber die in Musik umgesetzte Sambla-Sprache. Die Kinder erlernen sie gleichzeitig mit der oralen Sprache (die Buben aktiv, die Mädchen passiv.) In dieser musikalischen Sprache kann alles ausgedrückt werden, was gesprochen möglich ist. Das Tonsystem ist bemerkenswert: für Jazz-Kenner die Blues-Pentatonie, die auf dem Klavier in absteigender Reihenfolge annähernd mit A, G, E, D#, C dargestellt werden kann. Was noch merkwürdiger ist: die Musik der Sambla weist alle wesentlichen Merkmale des Blues auf , wobei ein Rückfluß aus Amerika teils wegen Datierbarkeit, teils wegen enger Verknüpfung zu alltäglichen Tätigkeiten auszuschließen ist.

Die Kompositionstechnik erinnert an die der Chaconne bzw. Passacaglia (Variationen über einem ständig wiederholten Basso ostinato), die in Europa ihre Glanzzeiten im 17. - 18. Jh. bei Frescobaldi, Buxtehude, Couperin, Händel und Bach gehabt hatten. In Afrika werden meist zwei oder mehrere ostinato Patterns parallel gespielt. Der Zuhörer erkennt die tatsächlichen ostinato Patterns allerdings nicht. Statt dessen - desorientiert durch die Interlocking Technik (ineinander verzahnte Instrumentalpartien, die deshalb keinen gemeinsamen Beat haben) - fängt er an, mehrere, scheinbar unabhängige melodisch-rhythmische Linien in verschiedenen Tonhöhenbereichen wahrzunehmen: die von niemandem gespielten "inhärent Patterns". Aber sie existieren und es ist die Absicht der Komponisten, daß der Zuhörer sie hört.

 

Das Sambla Xylophon (Ba genannt) gibt es in zwei Ausprägungen: Das kleine, von einem Musiker gespielte tragbare Xylophon mit 19 Klangstäben für die Arbeit und das von drei Musikern gespielte große Xylophon mit 23 Klangstäben für festliche Anlässe. "Ba-tsin-gyera-bre", der ranghöchste Musiker, spielt das virtuose Solo im oberen Register. Er ist der "Sprecher", er kommuniziert mit den Zuhörern. Links neben ihm spielt der "Ba-anya-bre", der das Solo ergänzt bzw. kommentiert und gleichzeitig die zweite Begleitpartie vervollständigt. Seine Partie ist viel schwieriger als die Partien der anderen beiden. In der Musik für die Geister (z. B. "Ji te so", "San tsyobe din" auf meiner CD: Keneya) hat er die Hauptrolle. Ihnen gegenüber, auf der anderen Seite des Xylophons, spielt (oder eher spricht) der "Ba-le-kpan" den grundlegenden Ostinato – ein einziges Wort oder einen Namen, einen Ausdruck oder einen vollständigen Satz - mit einem festen Tempo, um dem rhythmisch "frei fliegenden" Solisten sowie den Tänzern bzw. Arbeitern die Orientierung zu geben. Für das selbe Stück gibt es viele unterschiedliche Begleitpartien in verschiedenen Schwierigkeitsgraden, die je nach können der Musiker bzw. nach Anlaß gespielt werden.